Der angebliche Angsthund

Sonja_Hoegen

Der angebliche Angsthund

Auf dem Foto ist Piccola zu sehen. Piccola ist das, was manche neuerdings als Angsthund bezeichnen. Ein unsinniges Wort.

Piccola hat Neophobie, das heißt sie hat Angst vor allem Neuen. Fremden Hunden, fremden Personen, fremden Gegenständen, fremden Orten. Ganz schön anstrengend für Piccola. Und ihre Familie.

Wenn Piccola Angst hat, und das ist ziemlich oft der Fall, dann weiß jeder im Umkreis Bescheid. Sie bellt laut und schrill und lange, versucht zu flüchten.

Natürlich hat es einen Grund, dass Piccola so ist wie sie ist. Sie wurde mit ihren Geschwistern mit vier Wochen in einer andalusischen Schlucht gefunden, Elterntiere nicht in Sicht. Vermutlich zum Sterben ausgesetzt. Ein Marrokaner brachte sie in eine überfüllte Auffangstation, wo sie in einem Bretterverschlag untergebracht wurden. Ute, eine engagierte Tierschützerin, sah sie mit zehn Wochen und nahm Piccola und ihren Bruder Nico mit nach Deutschland. Sie war eine erfahrene Pflegestellenmutter, aber bei diesen beiden Andalusiern war schnell klar, dass eine Vermittlung nicht so einfach sein würde. Also blieben sie. Mit etwa zwölf Wochen sahen wir sie bei uns in der Welpenspielgruppe, und schon da hatte Piccola vor allem große Angst. Sie wollte nicht spielen, sie wollte nicht erkunden, sie zitterte und schrie.

Ist Piccola ein Angsthund? Nein! Sie darauf zu reduzieren, wäre unfair. Denn Piccola spielt wie eine wilde mit ihrem Bruder, sie fegen durch den Garten. Ihren Platz im Bett an Mamis Seite weiß sie zu verteidigen. Sie genießt das Schmusen mit den menschlichen Mitgliedern der Familie. Sie läuft wunderbar frei, kann zahlreiche Tricks, mag Gerätearbeit und Nasenarbeit.

Piccola und ihre Familie lebt mit den Problemzonen und arbeitet an ihnen. In ihrer Gruppe wird Piccola jeden Montag ein bisschen besser. Wenn ihre Trainerin Karin Adolf neue Hunde integriert, geht das schon viel besser als früher. Vor einiger Zeit begleitete ein Pferd das Training – auch diese Stunde meisterte Piccola tapfer, am Schluss konnte sie sogar in zehn Meter Entfernung ohne Bellen nebenher laufen.

Wer (s)einen Hund einen Angsthund nennt, schiebt ihn in eine Schublade, aus welcher er nur schwer wieder herauskommt. Hunde aber sind Meister im Anpassen und Lernen.

Meine frühere Pflegehündin Clara aus Portugal wäre sicherlich Angsthund genannt geworden. Am Flughafen zitterte sie in ihrer Box, wir mussten sie raustragen, weil sie sich nicht bewegen wollte. Tagelang verließ sie ihr Basislager, mein Ankleidezimmer, nicht. Jede Berührung ließ sie zusammenzucken. Es dauerte eine Weile, bis sie Streicheln genießen konnte. Vor anderen Hunden hatte sie ebenfalls Angst, und auch vor neuen Orten, fremden Menschen, fremden Gegenständen. Gassi gehen war nicht möglich, sie kroch einen Meter über den Boden, und blieb dann zusammen gekauert liegen, bis ich sie wieder rein trug.

Heute lebt Clara bei Hundetrainerin Nicole Landgraf. Sie ist bekannt als der Schrecken aller Mäuse, zusammen mit ihrer besten Freundin Beagle Issy führt sie archäologische Grabungen durch. Sie liebt es, mit ihren Menschen zu kuscheln, schläft dicht gepresst an Nicoles Seite. Sie läuft schön frei, weicht unbekannten Reizen möglichst aus. Bis sie vor kurzem zu einer fremden Person hin lief, und diese beschnupperte. Einfach so.

Clara ist kein Angsthund. Piccola ist kein Angsthund. Sie sind zwei der mutigsten Hunde, die ich kenne.

“Das Leben mit Hunden soll glücklich sein, unbeschwert und doch tiefgründig. Es ist schön, Mensch und Hund ein Stück des Weges begleiten zu dürfen.”

Sonja Hoegen
Hundeschule: dogcom
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